175. Geburtstag Silvanus Phillips Thompson. Der Mann, der für Philipp Reis kämpfte
25.06.2026
Sein Name ist heute selbst vielen Technikinteressierten kaum noch bekannt. Für Friedrichsdorf und die Geschichte des Telefons kommt ihm jedoch eine besondere Bedeutung zu. Denn kaum ein anderer Wissenschaftler hat sich so engagiert für die historische Würdigung des Telefonpioniers Philipp Reis eingesetzt wie Thompson.
Als Philipp Reis im Jahr 1874 im Alter von nur vierzig Jahren starb, blieb ihm die Anerkennung weitgehend versagt, nach der er sich sein Leben lang gesehnt hatte. Der Lehrer am Garnierschen Institut war kein Universitätsprofessor, kein Mitglied einer Akademie und kein Unternehmer mit finanzkräftigen Unterstützern. Er war ein Autodidakt, der sich mit außergewöhnlichem Fleiß naturwissenschaftliches Wissen aneignete und aus eigenen Überlegungen heraus einen Apparat entwickelte, der menschliche Sprache elektrisch übertragen konnte. Selbst das Wort „Telephon“ gab er bereit seiner Erfindung mit.
Reis suchte zeitlebens die Anerkennung der wissenschaftlichen Welt. Er hielt Vorträge vor Gelehrten, demonstrierte seine Erfindung im Physikalischen Verein Frankfurt und vor zahlreichen Fachleuten, veröffentlichte Aufsätze und korrespondierte mit Wissenschaftlern im In- und Ausland. Immer wieder hoffte er, dass seine Arbeiten von den maßgeblichen Institutionen aufgegriffen und weiterentwickelt würden. Doch der große Durchbruch blieb aus.
Nur zwei Jahre nach seinem Tod erhielt Alexander Graham Bell in den Vereinigten Staaten das berühmte Telefonpatent. Innerhalb weniger Jahre wurde Bell weltweit als Erfinder des Telefons gefeiert. Sein Name fand Eingang in Schulbücher, Lexika und die öffentliche Erinnerung. Die Geschichte schien geschrieben.
Doch gerade in den Vereinigten Staaten begann bald ein erbitterter Streit um die Frage, wem die Erfindung des Telefons tatsächlich zuzuschreiben sei. Zahlreiche Prozesse wurden geführt, Patente überprüft, technische Zeichnungen verglichen und Zeugenaussagen ausgewertet. Die Anfänge des Telefons wurden Gegenstand einer internationalen Debatte.
In dieser Situation trat Silvanus Phillips Thompson auf den Plan. Der 1851 in York geborene Physiker gehörte zu den angesehensten Elektrotechnikern Großbritanniens. Als Hochschullehrer, Forscher und Autor zahlreicher Fachbücher genoss er internationales Ansehen. Gerade deshalb hatte sein Interesse an Philipp Reis besonderes Gewicht. Thompson war kein Lokalhistoriker, kein Familienangehöriger und kein Verfechter deutscher Interessen. Er näherte sich dem Thema als Wissenschaftler, der die Quellen selbst prüfen wollte.
Während viele Zeitgenossen die Erzählung vom alleinigen Erfinder Bell bereits als unumstößliche Tatsache betrachteten, begann Thompson die Geschichte neu zu untersuchen. Er sichtete Veröffentlichungen aus den 1860er Jahren, studierte technische Beschreibungen und wertete Berichte von Zeitzeugen aus. Dabei wurde ihm immer deutlicher, dass die Rolle des Friedrichsdorfer Erfinders in der internationalen Wahrnehmung erheblich unterschätzt wurde.
Für seine Forschungen reiste Thompson nach Friedrichsdorf. Dort traf er Menschen, die Philipp Reis noch persönlich gekannt hatten. Er sprach mit dessen Witwe Margarethe Reis, befragte ehemalige Schüler und Weggefährten und besuchte die Orte, an denen der Erfinder gelebt und gearbeitet hatte. Noch heute beeindruckt die Vorstellung, dass Thompson die Werkstatt sehen konnte, in der Reis seine Apparate gebaut hatte, und mit Menschen sprach, die seine Begeisterung, seine Hoffnungen und auch seine Enttäuschungen aus eigener Erfahrung kannten.
Zu einer Zeit, als viele Erinnerungen noch lebendig waren, gelang es ihm, Zeugnisse zu sichern, die sonst vermutlich verloren gegangen wären. Gerade diese unmittelbaren Begegnungen verleihen seinen Arbeiten bis heute einen besonderen Wert.
1883 veröffentlichte Thompson sein Werk Philipp Reis: Inventor of the Telephone. Das Buch war weit mehr als eine Biografie. Es war zugleich eine gründlich recherchierte Untersuchung der frühen Telefongeschichte und ein wissenschaftliches Plädoyer für die historische Bedeutung von Philipp Reis.
Für Thompson stand außer Frage, dass Reis einen herausragenden Platz in der Entwicklung des Telefons einnahm. Er zeigte, dass der Friedrichsdorfer bereits Jahre vor Bell öffentlich funktionierende Sprachübertragungen demonstriert hatte, dass seine Arbeiten in wissenschaftlichen Kreisen bekannt waren und dass zahlreiche Fachleute die Bedeutung seiner Erfindung erkannt hatten.
Dabei ging es Thompson nicht darum, Bell jede Leistung abzusprechen. Vielmehr wandte er sich gegen die Vorstellung, technische Entwicklungen seien das Werk einzelner Genies. Die Geschichte der Erfindungen, so seine Überzeugung, entstehe meist durch viele Vorarbeiten, Ideen und Experimente unterschiedlicher Menschen. Gerade deshalb hielt er es für ungerecht, Philipp Reis nahezu aus der Geschichte des Telefons verschwinden zu lassen.
Um Thompsons Buch rankten sich schon bald zahlreiche Geschichten. Zu den bekanntesten gehört die bis heute erzählte Überlieferung, Alexander Graham Bell habe große Teile der Auflage aufgekauft, um die Verbreitung der für ihn unbequemen Untersuchung einzuschränken. Ob sich dies im Einzelnen nachweisen lässt, ist unter Historikern umstritten. Unbestritten ist jedoch, dass Thompsons Buch die Diskussion über die Anfänge des Telefons neu entfachte und die Rolle von Philipp Reis international wieder ins Blickfeld rückte.
Sein Engagement blieb nicht ohne Wirkung. Wissenschaftler, Ingenieure und Technikhistoriker begannen sich erneut mit den Arbeiten von Reis zu beschäftigen. Viele spätere Veröffentlichungen stützten sich auf die Quellen, die Thompson zusammengetragen hatte. Ohne seine Forschungen wäre das Wissen über Leben und Werk des Friedrichsdorfer Erfinders heute vermutlich deutlich lückenhafter.
Museumsleiterin Erika Dittrich vom Philipp-Reis-Haus sieht darin eine besondere historische Leistung: „Philipp Reis hat sein Leben lang nach wissenschaftlicher Anerkennung gestrebt. Zu Lebzeiten blieb ihm vieles davon verwehrt. Erst Jahre nach seinem Tod fand er in Silvanus Phillips Thompson einen Forscher, der bereit war, die Quellen neu zu prüfen und sich für eine gerechtere Bewertung seiner Leistung einzusetzen. Thompson hat damit nicht nur einen Erfinder gewürdigt, sondern gezeigt, wie wichtig unabhängige historische Forschung für unser Verständnis der Vergangenheit ist.“
Der 175. Geburtstag Silvanus Phillips Thompsons erinnert deshalb an weit mehr als das Leben eines bedeutenden Physikers. Er erinnert daran, dass Geschichte nicht allein von Patenten, wirtschaftlichem Erfolg oder öffentlichem Ruhm bestimmt wird. Manchmal braucht es Wissenschaftler mit Beharrlichkeit, Neugier und Mut, um vergessene Leistungen wieder sichtbar zu machen.
Vielleicht hätte Philipp Reis vieles von dem, was nach seinem Tod geschah, mit gemischten Gefühlen betrachtet. Doch eines hätte ihn vermutlich gefreut: Dass sich Jahre später ein angesehener britischer Physiker die Mühe machte, seine Unterlagen zu studieren, seine Familie aufzusuchen und öffentlich für jene wissenschaftliche Anerkennung einzutreten, nach der er sein Leben lang gestrebt hatte. Für Philipp Reis war Silvanus Phillips Thompson genau ein solcher Mensch.




