300 Jahre Bahnstraße
30.09.2026
Die Friedrichsdorfer Bahnstraße wird 300 Jahre alt. Ihre Geschichte führt von einer kleinen Seitengasse der Hugenottenkolonie über Schulen, Werkstätten, Villen und Fabriken bis zum Bahnhof – und erzählt ganz nebenbei, wie Friedrichsdorf selbst erwachsen wurde. Eigentlich brauchte Friedrichsdorf anfangs gar keine Straßennamen, bestand die junge Hugenottenkolonie doch nur aus einer einzigen langen Achse, der rue principale. Wer dort wohnte, musste niemandem erklären, welche Straße gemeint war. Erst als sich von dieser Hauptstraße erste Wege lösten, wurden Namen nötig. Einer führte hinter der Kirche zum Friedhof und hieß Toten-, Friedhofs- oder Kirchgasse, die heutige Taunusstraße. Der andere war neu und bekam den denkbar schlichtesten Namen: Neugasse. Dass ausgerechnet diese unscheinbare Neugasse einmal zu einer der wichtigsten Verbindungen der Stadt werden würde, war 1726 kaum abzusehen. Lange blieb sie dünn bebaut. Noch 1775 standen dort nur drei Häuser, 1786 waren es zehn. Doch gerade diese ersten Bewohner erzählen viel darüber, wie sich Friedrichsdorf zu verändern begann. Denn unter denen, die in der neuen Straße bauen wollten, waren nicht mehr ausschließlich Nachkommen der französischen Glaubensflüchtlinge.
Das war keineswegs selbstverständlich. Friedrichsdorf war als hugenottische Kolonie gegründet worden, und die Landesherrschaft hatte lange versucht, diesen besonderen Charakter zu bewahren. Deutschen war die Niederlassung zunächst nur eingeschränkt möglich. Erst im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde diese Trennung durchlässiger, auch wenn die Aufnahme in die Gemeinde weiterhin genehmigt werden musste. 1777 bat der Leinewebergeselle Heinrich Dippel aus Gonzenheim darum, in der „Neuen Straße“ ein Haus errichten und zugleich in Friedrichsdorf aufgenommen werden zu dürfen. Im selben Jahr plante dort der Flanellwebermeister Jérémie Garnier einen Neubau; wenig später erhielt der Grenadier Johannes Münz eine Bauerlaubnis. So wurde die Neugasse gleich in zweifacher Hinsicht zu einer Straße des Aufbruchs: Friedrichsdorf wuchs über seine alte Hauptstraße hinaus – und zugleich begann sich die einst streng hugenottisch geprägte Gemeinde vorsichtig nach außen zu öffnen. Im 19. Jahrhundert bekam die Straße dann eine ganz andere Bedeutung. Nicht Waren oder Reisende sorgten zunächst für überregionale Bekanntheit, sondern Schüler. Am 1. Mai 1836 eröffnete Louis Frédéric Garnier in der Neugasse eine „Lehr- und Erziehungsanstalt“ für Knaben. Dass in Friedrichsdorf noch immer Französisch gesprochen wurde, war dabei ein echtes Pfund: Garnier warb damit, seine Schüler könnten die Sprache hier ganz selbstverständlich im täglichen Umgang erlernen. Der Erfolg war so groß, dass das Institut noch im selben Jahr in größere Räume an der Hauptstraße umzog.Das Haus in der heutigen Bahnstraße 6 hatte damit seine Bildungskarriere aber noch nicht beendet. 1849 eröffneten Friederike und Henriette Müller hier ein „pensionnat de demoiselles“, ein Mädchenpensionat. Auch diese Schule wuchs rasch und zog 1854 in das ehemalige Hotel neben der Kirche, wo es unter Pfarrer Bagge und Martha von Puttkamer erblühte. So nahmen zwei der renommiertesten Friedrichsdorfer Privatschulen ausgerechnet in der kleinen Neugasse ihren Anfang. Noch endete die Straße an der Seulberger Gemarkungsgrenze. Doch der Blick ging längst weiter, war doch eine bessere Verbindung nach Frankfurt früh gewünscht. Wirklich zur Straße in die Welt wurde sie jedoch erst mehr als hundert Jahre später. Der Grund hieß Eisenbahn. Für das inzwischen erfolgreiche Gewerbe- und Industriestädtchen war ein Bahnanschluss weit mehr als eine Frage der Bequemlichkeit. Rohstoffe mussten herangeschafft, Waren abtransportiert, Arbeiter und Reisende befördert werden. Friedrichsdorf kämpfte seit 1862 lange um seine Anbindung. Als der Bahnhof 1895 endlich eröffnet wurde, hatte die Sache allerdings einen Haken: Er lag auf Seulberger Gemarkung. Friedrichsdorf hatte jetzt zwar einen Bahnhof, allerdings nicht ganz auf eigenem Boden. Auf Dauer war das keine befriedigende Lösung. Die Stadt kaufte das Gelände schließlich von Seulberg; für 50.000 Mark wechselte es den Besitzer und wurde 1910 eingemeindet. Selten lässt sich Stadtentwicklung so anschaulich erzählen: Friedrichsdorf wuchs seinem Bahnhof entgegen.

Schon 1894 war die bisherige Neugasse bis dorthin verlängert worden, was ihren Charakter grundlegend änderte. Aus einer Nebenstraße der alten Hugenottenstadt wurde die Verbindung zwischen Zentrum und Bahnhof. Am Morgen strömten Arbeiter vom Zug zu den Fabriken, am Abend ging es zurück. Auch die Waren nahmen diesen Weg. Besonders anschaulich zeigt das die Friedrichsdorfer Zwiebackgeschichte: Von der Fabrik Stemler wurden Zwiebackkisten mit Hundewagen zum Bahnhof gefahren. Man muss sich die Bahnstraße jener Jahre ohnehin weit lebhafter vorstellen als heute. Fuhrwerke rumpelten über die Straße, Reisende eilten zum Zug, Arbeiter zogen zu den Fabriken. Friedrichsdorf entwickelte sich zur Industriestadt, und die Bahnstraße wurde zu einer ihrer wichtigsten Lebensadern.

Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg wandelte sich auch das Straßenbild. Wo einst die kleinen Häuser von Webern gestanden hatten, entstanden nun Bauten mit ganz anderem Anspruch. Wohlstand wollte nicht mehr nur erwirtschaftet, sondern zunehmend auch gezeigt werden. Davon zeugt die Villa Lavoyer in der Bahnstraße 21, die sich der Lehrer Paul Lavoyer, verheiratet mit einer Tochter des Hutfabrikanten Rousselet, errichten ließ. Das stattliche Wohnhaus zeigt zugleich, dass repräsentatives Bauen keineswegs allein den Fabrikanten vorbehalten blieb. Auch das wohlhabende Bürgertum setzte neue architektonische Akzente. Noch eindrucksvoller geschah dies wenige Meter weiter. Die Villa Rousselet in der Bahnstraße 27 gehört bis heute zu den schönsten Anwesen der Bahnstraße. 1904 ließ Emilie Rousselet die repräsentative Villa errichten. Die Pläne stammten von Louis Jacobi, dem vor allem durch die Saalburg bekannten Baurat; ausgeführt wurde der Bau von Foeller. Die beinahe schlossartig wirkende Villa verbindet historistische Formen mit Jugendstildekor. Erker, Balkone und das markante Ecktürmchen setzen ein selbstbewusstes Zeichen. Hier zeigte sich eine Stadt, die wirtschaftlich längst aufgestiegen war und diesen Erfolg nun auch architektonisch sichtbar machte. Dass hinter dieser Pracht wieder Friedrichsdorfer Gewerbefleiß stand, passt ins Bild. Im selben Jahr hatte Emilie Rousselet die Zwiebackfabrik Arrabin erworben, die ihr Sohn Alfred Adolphe weiterführte. Das Unternehmen entwickelte sich erfolgreich und durfte wenige Jahre später sogar den Titel eines Hoflieferanten des englischen Königs führen. Zwischen den ersten kleinen Häusern der Weber und diesen Villen lagen kaum mehr als hundert Jahre – wirtschaftlich und gesellschaftlich aber Welten. Auch die öffentliche Infrastruktur zog nach. 1908 erhielt Friedrichsdorf in Bahnhofsnähe ein neues Postamt.

Der wachsende Warenverkehr, die Eisenbahn und die zunehmende Zahl von Briefen und Paketen verlangten nach größeren Räumen. Der stattliche Bau ist bis heute erhalten und hat längst eine neue Funktion gefunden: Wo früher Postsendungen aufgegeben und abgeholt wurden, ist heute die Musikschule untergebracht. Die Bahnstraße war inzwischen endgültig zum Alltagsort geworden. Das frühere Schulhaus in der heutigen Bahnstraße 6 wurde später zum Hotel Adler. An diesen Namen werden sich heute nur noch wenige erinnern. Näher an der lebendigen Erinnerung liegen das Café Wien und der Friseur Pfempfert, die für viele ältere Friedrichsdorfer noch zum vertrauten Bild der Straße gehörten. Die Bahnstraße war nun eine Straße zum Arbeiten, Reisen, Einkaufen, Einkehren und Wohnen. Am stärksten prägte das 20. Jahrhundert jedoch die Industrie – und hier vor allem die Milupa.

Das große Fabrikareal an der Bahnstraße gehörte über Jahrzehnte selbstverständlich zum Friedrichsdorfer Stadtbild. Generationen von Beschäftigten gingen hier täglich ein und aus, Schichtwechsel und Lieferverkehr bestimmten den Rhythmus der Straße mit. Die Fabrik war weit mehr als nur ein einzelner Betrieb. Sie war Arbeitgeber, Orientierungspunkt und für viele Friedrichsdorfer ein Stück Alltag. Industrie war dabei sinnlich präsent. Man sah die Fabrikbauten, hörte den Betrieb – und manchmal roch man auch, was gerade produziert wurde. Gerade Milupa stand damit sinnbildlich für das industrielle Friedrichsdorf des 20. Jahrhunderts. Umso einschneidender war der Wandel, als große Teile des Fabrikgeländes verschwanden. Mit dem Rückbau der Milupa-Anlagen ging nicht nur ein Produktionsstandort verloren, sondern auch ein Stück vertrautes Stadtbild. Wo jahrzehntelang gearbeitet und produziert worden war, entstanden Wohnungen, Geschäfte und das Taunus-Carré. Die Bahnstraße wechselte damit erneut ihre Funktion: von der industriellen Lebensader zurück zu einer stärker innerstädtisch geprägten Straße. Auch an ihrem anderen Ende hat sich das Bild verändert. Seit 1971 mündet die Bahnstraße am Rathaus in die Hugenottenstraße – also genau in jene Straße, die einst als rue principale praktisch ganz Friedrichsdorf gewesen war. An der Bahnstraße lässt sich ablesen, wie Friedrichsdorf aus einer kleinen französischen Glaubensflüchtlingskolonie herauswuchs und Schritt für Schritt von Webern sich über Industrie hin zu einem Standort von Dienstleistungen und damit zu einer modernen Stadt wurde.




