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Auf ins Perryversum - Zum 60. Geburtstag von Perry Rhodan

Newsbild: Auf ins Perryversum  - Zum 60. Geburtstag von Perry Rhodan

„19. Juni 1971. Eine Rakete bohrt sich in den Himmel über Nevada Fields. An Bord: vier Astronauten unter dem Kommando des Risikopiloten Perry Rhodan. Ihr Ziel: der Mond“. Dies war der Beginn des „Unternehmen Stardust“, eine Romanserie, die seit 60 Jahren Millionen von Lesern begeistert. Als am 8. September 1961 das erste Heft der Reihe Perry Rhodan erschien, startete gleichsam eine Geschäftsrakete, reichten doch die 350 000 Druckexemplare nicht, um die große Nachfrage zu stillen, sondern es musste nachgelegt werden. Die „Eltern von Perry Rhodan“ und ihr Verleger hatten zunächst auf eine Reihe von etwa fünfzig Bänden gehofft. Geworden sind daraus tausende, und ein Ende ist nicht abzusehen, erscheint doch nach wie vor wöchentlich das sehnsüchtig von seinen Fans erwartete „Groschenheft“.

Mit Perry Rhodan schuf der Friedrichsdorfer Karl-Herbert Scheer die bis heute weltweit erfolgreichste Science-Fiction-Serie, dessen fiktiver Weltraumastronaut bekannter ist als Neil Armstrong, Jurij Gagarin oder John Glenn. Doch der Name des Schöpfers der Kultfigur aber ist nur Eingeweihten geläufig. 

Vom U-Boot ins Weltall
Am 19. Juni 1928 wurde Karl-Herbert Scheer in Harheim geboren. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges diente er als Maschinist und Spezialist für frischluftunabhängige Antriebsanlagen auf einem U-Boot. Glücklicherweise erhielt er keinen Einsatzbefehl mehr, wäre dies doch einem Todesurteil gleichgekommen. Dennoch, der Marinedienst blieb nicht ohne Einfluss auf das Werk des späteren Autoren. Wie auf einem U-Boot nannte Scheer den Kommandostand auf den Raumschiffen „Zentrale“, entgegen der „Brücke“ in Zukunftsromanen aus andren Federn, die sich an normalen Schiffen orientieren. Und schon jetzt, Mitte der 40er Jahre, orakelte Scheer, es würden einmal Menschen auf dem Mond landen. Fasziniert von der Technik begann er Zukunftsromane zu konzipieren. 
1961 dann entwarf Scheer gemeinsam mit Walter Ernsting (alias Clark Darlton) die erfolgreichste deutsche Science-Fiction-Serie: Perry Rhodan. Der Major der amerikanischen Space Force, der Erbe einer galaktischen Großmacht, ist Forscher, Raumpilot und fanatischer Verfechter des Gedankens an eine vereinte und starke Erde. Mit ihm beschreitet die Menschheit, die „Terraner“, einen Weg, dessen Ende nicht abzusehen ist. Er führt hinein in die vor uns liegenden Jahrtausende und über Abgründe hinweg zu Sternenreichen, die seit Millionen von Jahren auf uns warten. Er führt in eine Zeit, in der die Nachkommen der Menschen von der Erde nur noch wie von einem Mythos reden und ein vereinsamter Planet um eine längst erloschene Sonne kreist, die einst Mittelpunkt des Universums war. 

Auf ins Perryversum
Ein ganzes Verfasserteam strickt inzwischen an den temporeichen Plots, die der Held – dank eines Zellaktivators im Körper des Terraners stets als 39-jähriger unterwegs – durchlebt. Seinen Steckbrief findet man inzwischen in „Perrypedia“, einem nach dem Vorbild von Wikipedia organisierten Internet-Lexikon (bereits 1971 erschien das erste gedruckte Nachschlagewerk), das auch dem Einsteiger die Orientierung im „Perryversum“ ermöglichen soll: „Perry Rhodan ist schlank und hochgewachsen. Er hat dunkelblondes Haar, graue Augen und eine kleine Narbe am Nasenflügel, die sich bei Erregung weiß verfärbt.“ Mit dem Werk „All-Mächtiger!" – mit Ausrufezeichen – erhielt er sogar eine eigene Biographie. Lesen kann man sie auch als Herrschaftsanspruch einer Romanfigur, die sich über Jahrzehnte in ihrem Untertitel „Erbe des Universums“ nannte und sich so des Alls bemächtigt hat. 

Der Durchschnittsleser ist männlich, zwischen dreißig und sechzig Jahre alt, außerdem technisch versiert und klug, zu klug vielleicht, um intellektuell sein zu wollen. Mehr lässt sich kaum sagen; die Leser gehen durch alle Schichten. Doch es zeichnet sie wohl ein gewisser Hang zum Konservatismus aus. Zusammengeschlossen haben sie sich weltweit in mehr als hundert Fanclubs, in denen sie die Weltraumabenteuer verfolgen und sich per Internet auf Fanpages austauschen. Sie treffen sich zu eigenen Veranstaltungen, den sogenannten Cons, zum Tausch von Büchern und Heften, vor allem aber um mit den Autoren über die Handlung zu diskutieren oder einfach nur gemeinsam zu feiern. 

Wechsel auf der Kommandobrücke
Karl-Herbert Scheer, gesundheitlich stark angeschlagen, zog sich immer mehr von der Exposé-Arbeit zurück. Dafür wuchs William Voltz verstärkt in diese Aufgabe hinein und übernahm 1974 als Chef-Autor die Gestaltung der Serie. Nach dessen Tod 1984 stießen immer wieder neue, junge Autoren mit frischen Ideen zum Team. 


Am 15. September 1991 starb Karl-Herbert Scheer in Folge einer verschleppten Hepatitis. Als Arkanoide Kaha da Sceer lebt er in der Perry-Rhodan-Serie weiter, legte man doch als Hommage an den geistigen Vater der Reihe die Figur an. Und so lebt die Erinnerung an einen Autor weiter in seinem Werk, das fortbesteht, so lange irdische Hoffnungen und Wünsche in die unendlichen Weiten des Weltalls getragen werden und aufgehen im „Perryversum“. 


 

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Das Heimatmuseum in Seulberg öffnet wieder

Newsbild: Das Heimatmuseum in Seulberg öffnet wieder

Das Heimatmuseum in Seulberg kann ab Donnerstag, 17. Juni, nach vorheriger Anmeldung wieder zu den üblichen Öffnungszeiten besucht werden. Am Mittwoch und Donnerstag von 9 bis 12:30 Uhr, am Sonntag von 14 bis 17 Uhr. Unter der Telefonnummer 06172 731 3100 oder -3120 kann immer mittwochs und donnerstags von 9 bis 12:30 Uhr eine Besuchszeit ausgemacht werden. Durch die Terminvereinbarung wird gewährleistet, dass sich maximal fünf Besucherinnen und Besucher gleichzeitig im Museum aufhalten. Im Museum muss eine medizinische Maske (FFP2- oder OP-Maske) getragen werden. 

Die Sonderausstellung „Mit Tante Emma in den Supermarkt“ ist auch wieder zu sehen. Die Ausstellung hatte Mitte Februar 2020 eröffnet und fiel kurz darauf in einen Dornröschenschlaf. Anschaulich kann hier die Geschichte der Seulberger Geschäfte erlebt werden.

Veranstaltungen wie das Sonntagscafé finden im Heimatmuseum bis auf Weiteres noch nicht statt. 

 

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Vor 210 Jahren geboren: Edouard Desor - Entdecker des Gletscherflohs

Newsbild: Vor 210 Jahren geboren:  Edouard Desor - Entdecker des Gletscherflohs

BU: Bildarchiv Stadt Friedrichsdorf
- Floh-Modell: Ein vergrößeres Modell des Gletscherfloh erinnert künftig im Philipp-Reis-Haus an die eiszeitkundlichen Forschungen von Eouard Desor
- StA-V-0012: Der Universalgelehrte Edouard Desor (1811-1882)
- StA-V-10a: Ölgemälde des jungen Naturforschers Eduard Desor
- Rhonegletscher: Einer der schönsten sei der Rhonegletscher, meinte der Eisforscher Edouard Desor. 

„Seit drei Wochen bewohnen wir den Unteraargletscher. Meteorologische und geologische Untersuchungen waren der Hauptzweck unseres Aufenthalts; und wenn erstere uns mehr zum Bleiben zwangen, so führte die Geologie uns auf längeren oder kürzeren Streifzügen….“ Bei einer dieser Touren entdeckte vor 180 Jahren der Friedrichsdorfer Edouard Désor den Gletscherfloh. 
Am 13. Februar 1811 wurde einer der bedeutendsten Söhne Friedrichsdorfs, Pierre Jean Eduard Désor, geboren. Da er nur in jungen Jahren hier lebte, ist er in seiner Heimatstadt nahezu vergessen; lediglich eine Linde, ein Gedenkstein und neuerdings eine Straße am Sportpark erinnern an den Universalgelehrten. In Fachkreisen allerdings, bei Geologen, Paläontologen und Prähistorikern, besitzt Désor heute noch einen guten Ruf. Als Ausdruck seiner wissenschaftlichen Bedeutung und der Breite seiner Forschungstätigkeit tragen unterschiedlichste Objekte seinen Namen: Nach ihm sind ein See und ein 425 Meter hoher Berg im heutigen Nationalpark Isle Royale in Michigan (USA) benannt. Neben einer ausgestorbenen Seeigelart Desorella wurde ihm zu Ehren auch der von ihm entdeckte Gletscherfloh desoria glacialis (bzw. desoria saltans) getauft. 

Der begeisterte Bergsteiger machte sich am 28. August 1841 mit seiner Seilschaft auf den Weg, um eines der höchsten Bergmassive der Alpen, die 4.158 Meter hohe Jungfrau, zu besteigen, die erst dritte Expedition, der diese Klettertour gelang. In einem kleinen Büchlein beschrieb der Friedrichsdorfer, wie die Freunde den Gipfel erreichten. Am Ziel gönnte man sich ein Glas Wein und hinterließ als Zeichen ihrer Anwesenheit einen Bergstock, „und ich war bereit, mein Schnupftuch zu opfern und es als Fähnlein zu befestigen“. Es spricht für Désors Forscherrang, dabei auf die Besonderheiten der Natur zu achten und kleine springende, tiefschwarze Punkte zu bemerken. Desoria saltans, so der wissenschaftliche Name, wird nur rund 2 Millimeter groß. Flüchtet er, so nutzt er seine Sprunggabel, was ihm seinen Trivialnamen einbrachte. Dabei gehört das Tierchen gar nicht zu den Flöhen, sondern zu den Collembolen, den Springschwänzen. Zum Überleben in eisiger Kälte nutzt er einen besonderen Trick: Mit Hilfe unterschiedlicher Zucker produziert der Gletscherfloh eine Art alkoholisches Frostschutzmittel, das ihm ein Durchhalten bei bis 15 °C unter Null ermöglicht. So kann "desoria", wie der Entdecker ihn in seinen Schriften kurz nennt,  mehrere Jahre alt werden. Auf dem Gletscher, im Spaltensystem des Eises oder in der Grenzschicht zwischen Eis und aufliegender Schneedecke ernähret er sich von Algen und angewehtem Blütenstaub. 

Aber wie entdeckte ausgerechnet der Sohn eines Friedrichsdorfer Strumpfwirkers dieses kuriose Tierchen? Edouard Désor führte im 19. Jahrhundert das Leben eines Universalgelehrten. Paläontologen nutzen noch immer sein zweibändiges Tafelwerk über versteinerte Seeigel, und der Vorgeschichte haben seine Studien über Pfahlbauten und die keltische Eisenzeit neue Wege eröffnet: Eine beachtliche wissenschaftliche Hinterlassenschaft, vielseitig und erstaunlich dazu, da Désor seine Erkenntnisse vor Ort in den Alpen, in Skandinavien, den USA und der Sahara gewann und keines dieser Fachgebiete im eigentlichen Sinne studierte. Dabei hatte er sich zunächst den Rechtswissenschaften gewidmet, ehe er, vom freiheitlichen Geist erfasst, 1832 am Hambacher Fest teilnahm und darauf, um polizeilichen Restriktionen zu entgehen, Deutschland in Richtung Paris verließ. Dort entdeckte er seine Leidenschaft für die Geologie und auch die Liebe. Als er für den Vater der Auserwählten nicht standesgemäß erschien, wich er in die Schweiz aus, wo es zur lebensprägenden Begegnung mit dem damals führenden Paläontologen Louis Agassiz (1807-1873) kam.

Der Schweizer näherte sich gerade den Überlegungen anderer an, wonach einst die Gletscher weitaus ausgedehnter gewesen sein müssen, wie entsprechende Erscheinungen wie Geschiebe und Findlinge zeigten. Als Agassiz seine Feldstudie im Eis des Berner Oberlandes startete, unterstütze ihn Désor, der seiner „Wissenschaftsfabrik“ beigetreten war. Für den Friedrichsdorfer war Agassiz der richtige intellektuelle Antreiber, während dem jungen, ungeduldigen Professor kein besserer Mann zur Seite stehen konnte. Sein Fleiß und Organisationstalent und vor allem eine glänzende Beobachtungsgabe schufen das nötige Fundament für die „neuen Gletschertheorien“, wie es Désor in seinem 1844 veröffentlichten 750-Seiten-Werk „Agassiz und seiner Freunde geologische Alpenreisen“ nicht müde wurde zu betonen. Dafür campierten sie sogar wochenlang unter einem notdürftig geschützten Felsen, scherzhaft „Hôtel des Neuchâtelois“ getauft, direkt am Unteraargletscher. Nach sieben Sommern und einem Winter in den Schweizer Zentralalpen waren viele gängige Annahmen widerlegt und Agassiz unbestritten als „Vater der Eiszeiten“ anerkannt. Lange Reihen an Temperaturmessungen - wobei man sogar mittels eines selbstkonstruierten Bohrers Thermometer ins Eis einließ - zeigten zur allgemeinen Überraschung relativ geringe Durchschnittswerte; selbst im Winter nur knapp unter dem Gefrierpunkt, was rasches Schmelzen und Wasser im Eis erklärt. Aber nicht das treibt einen Gletscher an, oder gar „Erdwärme“, wie man lange glaubte, sondern allein der Eigendruck, wie Agassiz und Désor feststellten. Fällt viel Schnee, wandert das Eis rascher oder zieht sich in niederschlagsarmen Jahren eben zurück. Für die aktuelle Klimadebatte heißt das: Weniger Hitze, als vielmehr Trockenheit lässt die Gletscher abtauen – gegenüber Désors Zeiten immerhin um ein Drittel, manche würde er kaum wiederfinden. Selbst das Schmelzen der Gletscher suchte Désor schon zu ergründen und reiste dafür gar bis in die Sahara. 

Nie zuvor war mit trigonometrischen Messungen ermittelt worden, wie schnell sich ein Gletscher bewegt: Je nach Schneezufuhr sagenhafte 60 bis 80 Meter im Jahr. Hochgerechnet auf lange Phasen machten jetzt auch die umfassend von Désor & Co. dokumentierten abgeschliffenen und gerundeten Felsen Sinn, die sich weit entfernt von Gletschern selbst im Flachland und in Gipfellagen bis 3000 Meter fanden.  Wie weit und wie oft die Gletscher vorstießen, darüber hatte man noch keinen Begriff. Durch den Beweis der Eigengesetzlichkeit von Gletschern hatten Désor und Kollegen einen wichtigen Beitrag für das Verständnis der Erde als ein dynamisches Gebilde erbracht, was dann eben auch die chronologische Entzifferung erlaubt. 

Bei aller Eingebundenheit in den Kreis gleichgesinnter Forscher war Désor immer ein Freigeist. Keiner seiner Kollegen hat die wochenlangen Gletscheraufenthalte derart intensiv genutzt, die mächtigen Berggipfel zu besteigen oder noch unbekannte Wege durch Eisfelder zu gehen. Jede Besteigung beschrieb er minutiös, so den Gipfelsturm Jungfrau 1841 oder von Ewigschneehorn (3329 Meter), Faul-, Schreck–, Rot- und Wetterhorn. Auch wenn die meisten Expeditionen aus Freude an der Natur unternommen wurden, vergaß der in der Schweiz heimisch gewordene Friedrichsdorfer nie seinen Auftrag. Hätte er nicht Agassiz´ Visionen so hervorragend umgesetzt und dann selbständig weitergeführt, hätte der ihn kaum 1847 mit nach Nord-Amerika genommen, als dort auf Vermittlung Alexander von Humboldts und mit Unterstützung des preußischen Königs neue Aufgaben warteten. 

Später verlegte er seinen Lebensmittelpunkt in das schweizerische Neuchâtel (Neuenburg) und im Sommer auf seinem Landsitz Combe Varin im Jura. Als er gichtkrank am 23. Februar 1882 in seiner Winterresidenz Nizza starb, flossen Vermögen und wissenschaftlicher Nachlass Neuchâtel zu. Doch vergaß er seine Heimat nicht: 10 000 Mark erhielt die Kleinkinderschulstiftung (heute Evangelischer Kindergarten) für den Kauf eines Hauses und die Stadt Teile seiner Privatbibliothek, Diplome und Ölgemälde. Künftig erinnert auch das sich gerade im Umbau befindliche städtische Museum, das Philipp-Reis-Haus, an den Friedrichsdorfer Universalgelehrten und zeigt ein vergrößertes Modell des Gletscherflohs.     

 

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Zum 160. Geburtstag: Elise Reis, Tochter des Telefonerfinders

Newsbild: Zum 160. Geburtstag:  Elise Reis, Tochter des Telefonerfinders

BU: DSCO2143: Erhalen haben sich im städtischen Museum Spielfiguren und ein Märchenbuch, die Philipp reis für seine Tochter Elise ferigte. 
STA-II-0009 Elise Reis (Mitte) im Keise ihrer Familie
StaII-0021b: Elise Reis, Aufn. um 1905


Es war ein trauriges Leben in bescheidenen Verhältnissen, dass die Tochter des Telefonerfinders – Elise Reis (1861-1920) – führte. Dabei hatte Philipp Reis großen Wert auf eine gute Schulausbildung seiner Kinder gelegt. Doch um die Jahrhundertwende war es für eine Frau aus bürgerlichen Kreisen schwer, ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten und eine Stelle in der Gesellschaft zu finden. Schließlich zerbrach die Klavierlehrerin an ihrem kargen Schicksal und wählte den Freitod. 

Gerade hatte Philipp Reis (1834-1874) seine geniale Erfindung gemacht, als ihm seine Frau Margarethe (1836-1895) ein Töchterchen schenkte. Geboren wurde es am 14. Februar 1861 und zwei Wochen später in der vom Wohnhaus nur wenige Schritte entfernt liegenden Kirche auf den Namen Elise Susanne getauft. Liebevoll kümmerten sich die Eltern um das Mädchen, zu dem zwei Jahre später sich noch Brüderchen Carl gesellte. Reis half seinem kränklichen „Gretchen“, wie er seine Frau nannte, im Haushalt, bastelte für seine Kinder Spielzeug und liebte es, mit ihnen durch den Taunus zu streifen. Sogar bei seinen Experimenten bezog er die Kinder ein. Noch heute erhalten und im Museum ausgestellt sind von Reis gedrechselte Figürchen und ein kleines Märchenbuch, das er für seine Tochter mit einer Handpresse druckte. Doch die schwere Krankheit des Vaters, Reis litt an Lungentuberkulose, und schließlich sein früher Tod setzte der glücklichen Kindheit ein Ende. Elise war gerade einmal 13 Jahre alt. Mit dem Verlust des geliebten Vaters kamen auch materielle Sorgen, blieb doch fortan das regelmäßige Einkommen aus. Eine Pension stand der Witwe nicht zu. So blieb der kleinen Familie nichts weiter übrig, als zusammenzurücken und die unteren Räume im kleinen Fachwerkhäuschen zu vermieten. Für kurze Zeit wohnte man mit Familie Wagner unter einem Dach, dessen kleiner Sohn Willi später in die Fußstapfen von Reis treten und das Telefon weiterentwickeln sollte. 

In seinem Testament hatte Reis verfügt, seinen Kindern eine gute Schulausbildung angedeihen zu lassen. Wenn auch nicht archivalisch belegt, so besuchte Elise sicher das gegenüber ihrem Haus gelegene Institut von Pfarrer Bagge, ein privates Mädchenpensionat.

Hier konnte Elise ihre musische Begabung entdecken, lernte das Klavierspielen und bekam Zeichenunterricht. Wie talentiert sie mit dem Bleistift umging, belegt ein dreißig Seiten starkes Skizzenbuch, das dem Museum aus Privatbesitz übereignet wurde. Zart ausgeführte Blumen- und Landschaftsmotive zeigen die Entwicklung sowie die Frucht vielen Übens. Friedrichsdorfer Motive befinden sich leider nicht unter den Zeichnungen. 

Zunächst blieb Elise im Elternhaus wohnen, wo sie aufopferungsvoll ihre Mutter bis zu deren Tode pflegte. Damals war Elise 34 Jahre alt und, nachdem sich ihr Verlobter anders entschieden hatte, noch immer unverheiratet. Da die junge Frau nur ein kleines Barvermögen von rund 16 000 Mark und keinerlei Berufsausbildung besaß, beantragte Bürgermeister Garnier beim Reichspostamt in Frankfurt eine kleine Rente für die Tochter des Telefonerfinders. Gewährt wurden schließlich 400 Mark jährlich. Nachdem ihr Bruder, der inzwischen Buchhalter bei der Zwiebackfabrik Stemler geworden war, geheiratet hatte, zog Elise aus ihrem Geburtshaus aus. Ein neues Zuhause fand sie später in einer Dachwohnung der Hauptstraße 101, das neu erbaute Haus von Adolph Louis Achard. Hier gab sie auch Klavierstunden, um ihre karge Rente aufzubessern. Vor allem in der französisch-reformierten Kirche engagierte sie sich, etwa in der Sonntagsschule sowie im französisch sprechenden Damenkränzchen. Später trat sie zudem der Methodistischen Kirche bei, wo sie dann den Frauen-Missions-Verein leitete. 

Doch während des Ersten Weltkrieges verschlechterte sich ihre Gesundheit derart, dass sie ihren Haushalt nicht mehr allein zu führen vermochte. An Klavierunterricht war gar nicht mehr zu denken. Unterernährung war die Folge. Da half auch die einmalige Zahlung von 300 Mark der Post nicht weiter. Den Vorschlag, ihre Wertpapiere in eine Versicherungsgesellschaft zu zahlen, lehnte Elise ab. Das Geld sei für ihre Nichten bestimmt, denn diese waren seit 1917 Halbwaisen. 

Aus dieser misslichen Situation sah Elise keinen anderen Ausweg mehr, als sich selbst das Leben zu nehmen. Am 14. Mai 1920, gegen 13 Uhr fand man sie erhängt in ihrer Wohnung auf. Wenige Tage später berichtete der „Taunusbote“: „Die 59jährige Privatiere Reis hat in der Nacht von Donnerstag zum Freitag ihrem Leben durch Erhängen freiwillig ein Ziel gesetzt. Die Verstorbene litt schon längere Zeit an nervösen Störungen und dürfte dieses Leiden die Ursache zu der Tat gewesen sein.“ Nichte Marie vermutete, ihre Tante habe „ihr Leben in religiösem Wahn durch eigene Hand“ beendet. Die wenigen Habseligkeiten wurden zusammen mit einigen Möbeln aus ihrem Elternhaus versteigert. Hierunter befanden sich auch Sofa und Stühle, die vor rund 15 Jahren wieder in das Reis-Haus kamen und dort  ausgestellt sind. Einen Grabstein erhielt Elise Reis erst spät, erlaubten es doch die finanziellen Verhältnisse der Familie nicht. Denn ihre verwitwete Schwägerin hatte das Haus verkauft und den gesamten Erlös während der Inflation verloren. So setzte erst 16 Jahre nach ihrem Tod Margarethe Reis ihrer Schwägerin eine schwarze Marmortafel mit der Inschrift „Hier ruht Elise Reis 1861 – 1920“.

 

Weitere Informationen zu Philipp Reis und das Philipp-Reis-Haus hier >>>


 


 

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18. Oktober 1685, das Stadtarchiv Friedrichsdorf erinnert:

Newsbild: 18. Oktober 1685, das Stadtarchiv Friedrichsdorf erinnert:

Friedrichsdorf – bekanntlich gründeten die Stadt wegen ihres Glaubens in Frankreich verfolgte Hugenotten. Doch was bewegte Tausende von Menschen, ihre Heimat zu verlassen, sich auf einen unsicheren Weg ohne Ziel zu machen? Es war die vor 325 Jahren erlassene Verfügung des französischen Königs Ludwig XIV., das Edikt von Fontainebleau, das seine evangelischen Untertanen in Massen bewog, dem Land ihrer Väter für immer den Rücken zu kehren. Unter ihnen befanden sich eben auch die Familien Agombard, Verry, Rousselet, Garnier, Chevalier und Achard, Lebeau und Privat – um nur einige der 36 Familien aufzuzählen –, die zu den Gründern Friedrichsdorfs gehörten.


Hugenotten, das waren reformierte Christen, die in Frankreich nach der von Jean Calvin entwickelten Lehre lebten. Etwa dreißig Prozent der Franzosen hatten sich nach der Reformation von der römisch-katholischen Kirche abgewandt. Besonders in Süd- und Südwestfrankreich entstanden zahlreiche reformierte Kirchengemeinden. Da auch Teile des Hochadels sich der protestantischen Lehre angeschlossen hatten, wurde aus der konfessionellen Auseinandersetzung schnell eine machtpolitische, die mithin den Zusammenhalt des französischen Staates gefährdete. Acht Religionskriege prägten die Geschichte Frankreichs in den Jahren 1562 bis 1593. Der ständige Wechsel von Sieg und Niederlage, von Toleranzedikten und Terrormaßnahmen führte zu einer Eskalation der Gewalt auf beiden Seiten.


Eine religiöse Befreiung – das Edikt von Nantes
Nach 36 Jahren Bürgerkrieg in seinem Land wollte der französische König Henri IV. endlich ein friedliches Zusammenleben von Katholiken und Protestanten ermöglichen. Lange und heikle Verhandlungen schufen im Edikt von Nantes ein Regelwerk, das den Frieden nach Frankreich holte. Heraus kam ein Kompromiss, der beide Konfessionen in zivilrechtlicher Hinsicht gleich stellte und damit die Bedingungen ihres Zusammenlebens festlegte. Bis zu seinem Tode 1610 überwachte Henri IV. persönlich die Einhaltung des Edikts. Doch unter seinem Nachfolger Ludwig XIII. verloren die Protestanten wieder ihre Gleichstellung und damit ihre Sicherheit.

 

Edikt von Fontainebleau
Zu Beginn der Regierung Ludwigs XIV. (1643-1660) blieb der Religionsfriede gewahrt. Als jedoch der Sonnenkönig nach dem Tode seines Ministers Mazarin (1661) die Regierungsgeschäfte selbst in die Hand nahm, wurde das Edikt von Nantes immer enger ausgelegt. Schließlich begann 1681 die offene Verfolgung der Protestanten; die königliche Kavallerie verbreitete Angst und Schrecken, um die Reformierten zu einem Glaubenswechsel zu zwingen. Zuletzt unterzeichnete am 18. Oktober 1685 Ludwig XIV. das Edikt von Fontainebleau, welches das Edikt von Nantes widerrief.
Die temple der Reformierten wurden sofort geschlossen, die Ausübung der Konfession verboten. Pastoren, die nicht konvertierten, mussten innerhalb von zwei Wochen das Land verlassen. Kinder sollten wieder nach der katholischen Konfession getauft und erzogen werden. Einen Ausweg sollte es nicht geben, da sogar die Flucht unter Androhung der Galeerenstrafe für Männer und des Gefängnisses für Frauen verboten war. Wem es dennoch gelang, das Land zu verlassen, dessen Güter wurden beschlagnahmt. Ein letzter Paragraph ließ den Reformierten scheinbar die Gewissensfreiheit (wenn auch nicht die der Religionsfreiheit). In der Tat wurde dieser Artikel aber niemals befolgt. Weil sie es ablehnten, ihren Glauben abzuschwören, wurden viele Protestanten eingekerkert. Zudem fanden noch immer die Dragonaden statt, um diejenigen mit Gewalt katholisch zu machen, die es noch nicht waren.

Der große Exedus der Hugenotten
Trotz der Gefahren für Leib und Leben – etwa 150 000 Menschen flüchteten unter oft dramatischen Umständen aus ihrer Heimat. Beseelt vom Wunsch, frei den Glauben ausüben zu können, begann der große Exodus. In der Regel verließen die Flüchtlinge gesicherte finanzielle Verhältnisse und wussten nicht, was sie im refuge erwartete. Kaum konnten sie noch Haus und Hof verkaufen, um für die ungewisse Reise über Bargeld zu verfügen. Naturgemäß gab es verschiedene Ziele, die die réfugiés erreichen wollten. Die Nordfranzosen zogen in die nahen Niederlande. Für die aus dem Westen Frankreichs bot sich ein Schiff nach England an. Die Mehrzahl der Hugenotten lebte aber im Süden Frankreichs und versuchte, von dort in die Schweiz zu entkommen.
Den Glaubensflüchtlingen begegneten die Eidgenossen mit tief empfundenem Mitleid, und die Hilfe, die man ihnen in Form von Geld, Nahrung und Medikamenten zukommen ließ, war beachtlich. Doch als der Zustrom an Flüchtlingen nicht nachließ, versuchte man, sie weiterzuschicken. Viele alleinstehende Frauen, Witwen, Kinder und Greise blieben vor allem in der Westschweiz. Aus der Champagne kam etwa die Familie Garnier nach Basel, wo Isaak Garnier 1692 im Alter von 82 Jahren starb. Ebenfalls die Söhne blieben bis zu ihrem Tod in Basel. Enkel Jeremie indes zog es weiter, bis er sich schließlich 1696 in Friedrichsdorf niederließ.


In der Schweiz organisierten Städte und Kantone Gruppen, die sich unter ortskundiger Führung auf den Weg machten. Für etwa 40 000 Flüchtlinge sollte Deutschland eine neue Heimat werden. Eine wichtige Station war Frankfurt am Main, das zur Drehscheibe des refuge wurde. Denn bereits seit langem gab es hier reformierte Kirchen. Die beiden Gemeinden unterstützten in vierzig Jahren (1685 bis 1725) 125 000 Menschen mit nahezu 70 000 Gulden. Zur Kassenprüfung wie auch als Stammrolle für nachfolgende Flüchtlinge zur Information über den Verbleib für Verwandte wurde genau Buch geführt. In diesen Listen finden sich auch jene, die Finanzhilfen erhielten und nach Homburg gingen.


Landgraf Friedrich II. gründet eine colonie française
Landgraf Friedrich II. von Hessen-Homburg, jener ruhmreiche Held von Fehrbellin mit dem legendären silbernen Bein, hatte bereits im August 1684 einen offenen Brief entsandt, in dem er "Teutsche von allen im römischen Reich geduldeten Religionen vor allem aber Hugenotten" zur Ansiedlung in Hessen-Homburg aufforderte. Unmittelbar nach Aufhebung des Ediktes von Nantes verfasste er einen zweiten offenen Brief, in dem er ausdrücklich "französische Flüchtlinge" ansprach, deren es "in den gegenwärtigen Zeitläufen viele" gebe. Doch nicht nur aus Mitleid nahm der Landgraf sie auf, wenngleich er selbst von der lutherischen zur reformierten Konfession konvertiert war, somit die Hugenotten seine Glaubensbrüder waren. Durchaus verfolgte er mit der humanen Geste auch wirtschaftliche Interessen, denn der Dreißigjährige Krieg hatte große Teile des Landes verwüstet, dessen Einwohner tot oder geflohen waren. So sah der Landesvater die Chance, sein Ländchen wieder zu bevölkern, was später sich in ein höheres Steueraufkommen ummünzen sollte. 
Im Sommer 1686 kamen dann die ersten Flüchtlinge an – ausgezehrt, müde und krank von der langen Reise. Manch einer schleppte sich noch mit letzter Kraft an den Ort der refuge – um dann entkräftet zusammenzubrechen. Und vor allem nach den Kindern griff der Tod: Die beiden Sprösslinge von Marie und Estienne Breuse, Marie und Etienne, sterben kurz nacheinander am 13. und 14. November 1687 in Friedrichsdorf, der fünfjährige Sohn des Pierre Breuse am 19. November des gleichen Jahres. In der Familie Barthelmi aus Prouiere holte sich der Sensemann innerhalb eines Vierteljahres zunächst die vierzigjährige Mutter Catherine und dann im Abstand weniger Tage die drei Söhne. In vielen Familien starben die Eltern fast gleichzeitig mit ihren Kindern.
Häufig erzählen Familiensagen, die verwitwete Mutter habe ihren Sohn den langen Weg auf dem Rücken getragen, wie etwa bei Familie Morelle, einer der Stadtgründer Friedrichsdorfs. 1707 gaben sich der Ladenbesitzer (boutiquier) Pierre Morelle und Marthe Labbé, Tochter des Zimmermanns Ezechiel Labbé, das Eheversprechen. Familie Labbé kam, wie die Blanquin, Le Jeune und Verry (Veri), aus der Picardie.
In drei Einwanderungsschüben erreichten die Hugenotten die kleine hessische Landgrafschaft. Der erste traf bereits 1685 /86 ein. Zunächst wurden die Flüchtlinge in der Stadt Homburg angesiedelt, in der eigens angelegten Neu- oder Louisenstraße. Für das erste auf seinem Boden geborene Kinde der französischen Gemeinde übernahm der Landgraf persönlich am 27. Juli 1686 die Patenschaft. Als eine zweite Einwanderungswelle neue Siedler brachte, gründete er für sie eine neue Kolonie, die später ihm zu Ehren Friedrichsdorf genannt wurde.
Doch noch wanderten Flüchtlinge weiter, andere kamen hinzu, die Anfangsjahre des "neuen Dorfes" prägte ein unstetes Hin und Her. Die ersten Siedler kamen vorwiegend aus dem Süden Frankreichs, aus der Dauphine (Achard, Vauge), aus dem Val Cluzon (Breuse, Brunet, Sourdet, Passet) sowie dem Languedoc (Andre, Heraut, Ventrcole, Feilgerolle) oder aber der Picardie (Blanquin, Bodmon oder Boudeman, Le Jeune,Bouquet, Boutmy, Loyseau, Mouillard, Busquet). Doch noch immer schienen sie auf eine Rückkehr nach Frankreich gehofft zu haben, denn obwohl der Landgraf ihnen neben Bauland auch das nötige Material zukommen lässt, entstehen erst auf sein Drängen hin feste Häuser. Bald aber entwickelte sich die colonie française prächtig und sollte schließlich eine wohlhabende Gemeinde werden.

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Für weitere Informationen steht Ihnen das Team der Stadt Friedrichsdorf zur Verfügung:
Telefon: 06172/731-0 - E-Mail: museum@friedrichsdorf.de

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