Die Hugenotten

Hugenottentracht, Hugenottenkreuz, Brautkrone, Asylanten, Abendmahlauss...

Friedrichsdorf – Hugenotten eine neue Heimat


Im Jahre 1685 hob der französische König Ludwig XIV. das Toleranzedikt von Fontainebleau auf. Um nicht rekatholisiert oder verhaftet zu werden, verließen daraufhin etwa 200 000 Protestanten (Hugenotten) Frankreich. Landgraf Friedrich II. von Hessen-Homburg richtete ein Einladungsschreiben an die Glaubensflüchtlinge und sicherte ihnen zahlreiche "Privilegien" zu. Neben wirtschaftlichen Vergünstigungen wurde die Wahrung kultureller Eigenheiten, von Sprache und Religion, versprochen. Diese Vorrechte prägten die Entwicklung der kleinen colonie française, die zu Ehren ihres Gründers den Namen Friedrichsdorf erhielt.

 

Hugenotten – von einer Schimpf- zur Ehrenbezeichnung

 

Woher die Bezeichnung der französischen Protestanten als "Hugenotten" stammt, ist bis heute umstritten. Geographisch lässt sie sich seit etwa 1560 für das Gebiet um Tours an der Loire nachweisen. Vermutlich wurden dort erstmals die Reformierten mit dem abwertend gemeinten Namen belegt. Um Verfolgungen zu entgehen, versammelten sie sich meist bei Dunkelheit. So entstand die Verbindung zur Sage von König Hugo, wonach dieser nachts als Gespenst durch die Straßen von Tours wandelte. In der Verkleinerungsform des Namens Hugo bezeichnete man die Calvinisten bald als "huguenots" (Hugenotten), im Sinne von "lichtscheuem Gesindel".

Als sichtbares Zeichen ihrer Verbundenheit trugen Hugenotten unter dem Eindruck von Verfolgung und Flucht seit dem späten 17. Jahrhundert das sogenannte Hugenottenkreuz. Entworfen haben soll es der Goldschmied Maystre in Nîmes um 1688. Die Kreuzesarme sind gleich lang, denn der Glaube soll sich in alle Himmelsrichtungen gleichmäßig ausbreiten. Eine herabfliegende Taube symbolisiert den Heiligen Geist. Zwischen den Kreuzesarmen spannen sich Lilien, das Wappen der Bourbonen und damit Ausdruck der Königstreue der Hugenotten.


Die Basis legte Jean Calvin

 

Das geistliche Fundament legte Jean Calvin (1509 bis 1564) 1536 mit seiner "Institutio Christianae Religionis" (Unterweisung in der christlichen Religion), die zur Basis der reformierten Konfession des Protestantismus wurde. Eine sehr gut erhaltene Ausgabe besitzt auch die Friedrichsdorfer Kirche. Im Unterschied zu den evangelischen Landeskirchen in Deutschland schuf man eine Kirchenverfassung mit weitgehender Selbstverwaltung der Gemeinden. Übernommen hat ebenfalls die Friedrichsdorfer Gemeinde die auf Lebenszeit gewählten consistoire, denn die kirchliche Selbstverwaltung hatte der Landgraf den Friedrichsdorfern im Privilegienbrief zugesichert.

 

Bedeutung und Auslebung der Religion

 

Theologisch lag der Hauptunterschied in einem anderen Verständnis des Abendmahls (man sah darin nur die symbolische, nicht leibhaftige Anwesenheit des Herrn), achtete das Bibelstudium hoch und stellte die Predigt in den Mittelpunkt des Gottesdienstes. Diese religiöse Haltung spiegelt sich auch in der einfach gestalteten Kirche von Friedrichsdorf wider. Es fehlt jeglicher Bilderschmuck, der vom Gottesdienst ablenken könnte. Ganz im Mittelpunkt der Ausstattung steht die Kanzel.

Der Gottesdienstbesuch war obligatorisch, säumige und sonstige Verfehlungen wurden von den Gemeindeältesten bestraft. Sie wachten auch über das Einhalten von Eheverträgen und Testamenten. Vielfältig sind solche Urkunden im Stadtarchiv überliefert, die ein anschauliches Zeugnis vom sozialen Gefüge der noch jungen Gemeinde geben. Schon der Sozialdruck der "Kirchenzucht" hielt das Gemeinwesen zusammen. Den Kirchenältesten oblag es, diese Zucht aufrecht zu halten. Türen zu den Wohnhäusern etwa mussten unverschlossen bleiben, damit die consistoire immer die Möglichkeit hatten, den Lebenswandel der Gemeindemitglieder zu kontrollieren.


Theologisch und räumlich stand die Kirche im Mittelpunkt und dominiert noch heute das Stadtbild entlang der Hugenottenstraße. Das erste Gotteshaus aus dem frühen 18. Jahrhundert löste ein spätklassizistischer Bau als Ausdruck von Wohlhabenheit und Selbstbewusstsein 1832 ab.
Wichtigstes Element für den Zusammenhalt der Gemeinde bildeten Glaube und Sprache. Was selbstverständlich klingt, war angesichts der realen Bevölkerungsentwicklung nicht zwingend. Trotz Verbots zogen bald "Deutsche" in die kleinen Flüchtlingskolonie. Es erstaunt umso mehr, wie lange Französisch in Friedrichsdorf gesprochen wurde, und zwar bis in das 20. Jahrhundert. Dem Erhalt des "Welschen" kam der regelmäßige Schulbesuch zugute. Bereits 1699 erbaute die Gemeinde ein Schulhaus.

Der Unterricht diente zuerst natürlich dem Erlernen des Katechismus in seiner reformierten Variante, dazu Bibelkunde und Psalmengesang. Deshalb waren Lesen und Schreiben obligatorisch.

Die Tracht: sichtbarer Ausdruck der Zusammengehörigkeit

 

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung von Friedrichsdorf am Anfang des 19. Jahrhunderts wurde gewiss nicht zufällig eine Art Hugenotten-Tracht kreiert. Zu ihr gehört ein relativ eng gearbeiteter, etwa knöchellanger Rock. Im Winter besteht dieser aus Wollstoff oder Flanell, im Sommer aus gemusterter Baumwolle. Für Feiertage behält man sich schwarze, meist aus Tuch genähte Röcke vor. Darüber liegt eine aus feinen Geweben gefertigte Schürze. Das Mieder besteht je nach Anlass und Jahreszeit aus unterschiedlichem Material und Muster; sonntags zumeist aus Halbseide oder schwarzem Tuch. Auf dem Mieder schlingt sich ein großes weißes Tuch, das sich über der Brust kreuzt und vorne in den Rock gesteckt ist. Genäht wurde es aus feinem, weißem Leinen, Mousseline oder aus Seide und mit Stickereien verziert.

Die Kopfbedeckung – coeffe genannt – ist weiß, violett oder gemustert. Die Form der Haube lehnt sich nicht nur an einem Grundmodell an, sondern es gibt eine große Variationsbreite. Stets aber wird das breite Haubenband unter dem Kinn zu einer Schleife gebunden.

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